makropolis
Beschreibung
makropolis ist der vierte Teil der Projekt-Reihe performaps, die in Hybridformen aus Performance, Konzert und Installation die Möglichkeiten einer zeitbasierten künstlerischen Kartographie auslotet.
Mit Blick auf die Galleria delle Carte Geografiche aus dem Cinquecento – bis heute die größte Kartendarstellung weltweit, die sich in den Vatikanischen Museen findet – skizziert makropolis das Modell eines globalen Gemeinwesens jenseits territorialer Grenzen und gibt sich dabei selbst als ein ephemeres makropolisches Modell zu erkennen.
In einer dialogischen Lecture-Performance, die den Buchstaben und die Ziffer des Namens des Veranstaltungsorts M0 im Maschinenhaus des KINDL selbst unter die Lupe nimmt, entfalten die beiden Performer*innen eine kleine Geschichte der Makropolen, die von antiker Kosmologie und Mathematik bis zu Jorge Luis Borges’ kartographischem Wissenschaftsbegriff und John Cages nachhaltigem Weltklangkarten-Denken; die von der demokratisch verfaßten griechischen Polis bis zu den dystopischen Milliarden-Makropolen in der Sience Fiction reicht.
In einem Bildervortrag stellen die Performer*innen die hybride Struktur und einige Details der Galleria delle Carte Geografiche vor. Dabei entfalten sie die Etymologie des Worts „Modell“ und bedenken Gestalten und Grenzen des Maßstäblichen; sie treffen auf Schlachtszenen der Punischen Kriege, begleiten Cicero durch antike Nekropolen, begegnen Buckminster Fullers visionären Weltkartenentwürfen und finden das Grab des griechischen Mathematikers Archimedes im Innenhof eines sizilianischen Hotels.
Wie eine Passage durch die Galleria delle Carte Geografiche, die alle italienischen Regionen zeigt und dabei einem Flug über den Apennin gleicht, umgibt Performer*innen, Musiker*innen und Besucher*innen in makropolis eine zweiseitig großwandige Videoinstallation, die Italien im 21. Jahrhundert von oben zeigt: Stadtansichten, Berge, Küstenstriche, architektonische Details, antike Ruinen – ein sich permanent kaum bemerkbar veränderndes In- und Neben- und Übereinander konkret-chorographischer Momente, das sich über die Wände bewegt.
In der Mitte des Raums hängt eine voluminös-filigrane Installation aus annähernd 800 nicht-skalierten Zollstöcken, die auf thermische Veränderungen, Luft-, selbst Schallbewegungen reagiert und die Blickrichtungen bricht.
Im Zusammenspiel mit einem tönend-feedbackhaften und geräuschvoll-bewegten 6-kanaligen Tonband realisiert das Ensemble KNM Berlin Jörg Laues gut 100-minütige klangkartographische Komposition makropolis für Ensemble, die in einem graphischen Transformationsprozeß aus 32 Kartenausschnitten der Galleria delle Carte Geografiche entstanden ist. Visuelle Details, die teilweise in dem Bildervortrag Erwähnung finden – Schiffe, Seeungeheuer, Stadtpläne, Alltagsszenen, Schlachtordnungen u.v.m. –, erfahren hier filigrane klangliche Konturen. Dabei läßt die exakte graphische Notation der einzelnen instrumentalen Stimmen den Musiker*innen große Freiheiten bei der musikalischen Realisierung. Im Gestus ähnlich, entsteht jeden Abend ein anderes akustisches makropolis.
Und während die Bläser*innen unbeirrt in ihren graphischen Stimmen navigieren, begleitet das Trio der Streicher*innen die Gesangsperformance des alten Schlagers Capri Fischer, der das musikalische Ambiente überraschend im Tangorhythmus durchkreuzt.