GREEN LINE

Beschreibung

GREEN LINE ist der dritte Teil der Projekt-Reihe performaps, die in Hybridformen aus Performance, Konzert und Installation die Möglichkeiten einer zeitbasierten künstlerischen Kartographie auslotet.

Ausgehend von dem Titel-gebenden UN-kontrollierten Landstrich, der das Mittelmeerland Zypern in die griechisch-sprachige Republik Zypern im Süden der Insel und die Türkische Republik Nordzypern teilt, widmet sich GREEN LINE Fragen der Un-/Zugänglichkeit und der Willkür kartographischer Grenzziehungen.

Dabei erfuhr das Projekt eine besondere Pointe: Geplant als der Versuch, für eine Materialsammlung faktisch Zugang zu der sogenannten UN-Pufferzone auf der Insel zu erhalten – als performative Feldforschung vor Ort –, wurde GREEN LINE aufgrund anhaltender Reisebeschränkungen zu der Kartierung einer Wanderung, die nicht stattgefunden hat.

Beidseits einer doppelwandigen Installation aus schallabsorbierender Steinwolle – ein langer, schmaler Raum-im-Raum, der für das Publikum frei zugänglich ist – skizzieren Performer- und Musiker*innen deshalb aus zeitpolitischen Recherchen, etymologischen Exkursen und filigranen Klangschichtungen alternative Projektzugänge, die von dem zyprischen Niemandsland über ein levantisches Tiefseegebirge bis in eine ehemalige Westberliner Exklave weisen.

In einem bebilderten Vortrag rekonstruieren die beiden Performer*innen die historischen Umstände eines provisorischen Buntstiftstrichs auf einem Stadtplan, nach dem die Pufferzone nicht nur benannt wurde, sondern aus dem tatsächlich der beinahe unbewohnte Landstrich geworden ist, der Zypern teilt. Sie ergründen die vielsprachig verschachtelte Etymologie der Minen zwischen Bergwerk, Waffe und Schreibgerät, die antike römische Fallgruben, mittelalterliche Terminkalender, mineralische Pigmente und pittoreske Miniaturen, aber auch die zufällige Erfindung des ersten elektronischen Musikinstruments – des Theremins – streift. Und mithilfe von Wanderwörtern gelangen sie über die Kupferminen der Insel zurück in die Kulturepoche der Bronzezeit ...

Währenddessen realisiert das Duo Tocar im Zusammenspiel mit einem geräuschhaft-bewegten 6-kanaligen Tonband Jörg Laues 72-minütige klangkartographische Komposition green line layers, die aus einer Reihe archäologischer, geologischer, politischer Karten auf der Folie der jüngsten Zypernkarte der Friedenstruppen der Vereinten Nationen in Zypern entstanden ist. Feuerlinien, Vulkanringe, endemische Pflanzen, Gebirgsformationen, aktuelle wie antike Minen und Tempel werden den Musikerinnen zu graphischem Material für ihre vielschichtigen Klangerkundungen entlang der Green Line – durchkreuzt allein von zwei kanonischen Kompositionen für Violine und Klavier von Johann Sebastian Bach und George Crumb, in denen verbindende Dualitäten auf exemplarische Weise kompositorisch praktiziert sind.

Die weichen, schallschluckenden Steinwolle-Wände sind beim Hindurchgehen nicht nur als eine quasi „negative“ Klanginstallation erfahrbar, sondern sie absorbieren auch einen Gutteil des Lichts der Videoprojektionen, die sich unmerklich verändernde Landschaftsaufnahmen einer Green-Line-Passage zeigen, die digital zugänglich ist ...