time/zones

Theater der Zeit, 10/2012

Eine veritable Wunderkammer
Die Performanceformation Lose Combo entwickelt mit "time/zones" einen zufallsgesteuerten Welterzählungsapparat – nach und für John Cage

Geschichten können linear erzählt werden oder parallel. Die Verknüpfung kann durch Kausalzusammenhänge erfolgen oder durch Zufallsoperationen. Der Berliner Performancekünstler und Musiktheaterregisseur Jörg Laue entschied sich für das parallele ud koinzidenzielle Verfahren. Seit 1994 operariert die von ihm gegründete Gruppe Lose Combo in den sich überlagernden Feldern von analoger wie digitaler Raum-, Klang- und Performancekunst. Laue nimmt sich bei der Vorbereitung seiner Projekte oft verhältnismäßig viel Zeit. Er gelangt daher aber zu tieferen Auseinandersetzungen über Raum und Zeit, deren Beherrschungs- und Repräsentationstechnologien sowie die Position des wahrnehmenden Subjekts darin.
In "time/zones" in der Akademie der Künste folgte Laue dem Zeitvektor des Geburtstages von John Cage (5. September), den er durch ein ganzes Jahrhundert schneiden ließ. Gleichzeitig orientierte er sich an Cages Stück "Variations IV", einem durch Zufall organisierten Positionierungsverfahren von Aktionen, dessen Reichweite er vom – eigentlich von Cage vorgesehenen – Grundriss des Aufführungsorts auf eine Weltkarte verlagerte. Er integrierte in diesem Rahmen Cages vom Kammeensemble Neue Musik Berlin in zwei Varianten aufgeführte Komposition "Atlas Eclipticalis". Es entstand ein Erzählzusammenhang, der irdische Zeitzonen und Sternenkonstellationen übersprang und sich in eine loungeartige Raumskulptur ergoss.
Am besten hatte es während der achtstündigen Performance die getroffen, die eines der Sofas in Beschlag genommen hatten. Halb liegend, halb lungernd ließ sich verfolgen, was an Bildern und Filmsequenzen an den aus gebogenem Wellplastik geformten Wänden hochbrandete. Es handelte sich um historische Aufnahmen von Boxkämpfen, um Bilder von der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München, um einen Massentransport von Soldaten in Taxis oder eine Fahrt der Beatles zu einem Konzert. Verknüpft waren dies Ereignisse durch das Geburtsdatum von John Cage. Am 5. September 1960 gewann Cassius Clay Olympiagold in Rom. Am Morgen des 5. September 1972 überfielen arabische Terroristen das Quartier der israelischen Olympiamannschaft. Am 5. September 1914 wurden französische Soldaten mangels anderer Transportkapazitäten in einem Taxikonvoi vom Champ de Mars zu den echten blutigen Kriegsschauplätzen in der Champagne gefahren. Am 5. September 1968 schließlich nahmen die Beatles "While My Guitar Gently Weeps" auf.
Mit den Beatles nimmt Cage sogar direkte Verbindung auf, was einen Handlungsbogen schließt. Just zum ersten Geburtstag des späteren Komponisten ließ sich dessen Vater das Prinzip eines U-Bootes patentieren. Das ahhte allerdings den Nachteil, dass es beim Orten Luftblässchen nach oben sandte und daher leicht zu entdecken war. Für den militärischen Gebrauch fiel es aus. Als "Yellow Submarine" herauskam, erinnerte sich Cage an das väterliche Patent und bedankte sich bei den Popkollegen für die friedliche Verwendung der Tauchbootidee.
Überhaupt machen diese Verknüpfungen von isolierten Ereignissen und der sich so herstellende Assoziationsbogen den großen Reiz des Projekts aus. Dramatische Diskrepanzen zwischen den USA und Deutschland wurden an zwei Marginalien um Pflaumen deutlich: Während Cage als Geschenk zu seinem sechsten Geburtstag einen ganzen Tag auf den Obstplantagen des gerade ein Jahr zuvor gegründeten Trockenfruchterzeugers Sunsweet (heute Branchenführer) verbringen darf, ergeht in Deutschland das Verbot, Pflaumen zu Pflaumenmus zu verarbeiten. Als die USA – zumindet in den Augen des Knaben – ein Obstparadies waren, wurde der Kriegsgegner in Übersee von einer Missernte geplagt.
Der Name Sunsweet erweckte im jungen Cage die Vorstellung eines süßen Himmelskörpers; das wirkt wie ein Wink auf "Atlas Eclipticalis". Die Komposition wurde nach dem Vorbild einer Sternenkarte notiert. In ihr erlaubt Cage den Musikern, einzelnen Noten auch auszulassen. Wird dieses Angebot angenommen, entsteht – in Analogie Töne = Sterne – der Effekt eines wolkenverhangenen Klanghimmels. Wer sich die Zeit nahm, dem eigenen Termindiktat zu entrinnen, konnte diesen Weltzusammenhang ausmessen. Es war ein Geschenk für Sinne und Verstand.

Tom Mustroph