MYTHOS EUROPA

Theater der Zeit, 05/06/1999

Bilderloses Licht
"Mythos Europa" von Jörg Laue und der "Lose Combo"

Zu sehen und zu hören: Schattierungen und Farbflecke hinter und auf einer Gazewand, Spuren von Gestalt, Körperfragmente in Farbe, undeutliche Radio-Stimmen, männlich-weibliche Wortfetzen, Sätze von eigener Schönheit, die sich nicht festhalten lassen. Blitze auf der Leinwand, die als Hieroglyphen verschwinden, kaum sichtbar die Rundung eines Ohrs, ein Nacken, Geigenhälse, darüber stehende Klänge, die sich der Melodie verweigern. Dröhnen, Rauschen, vier Streichinstrumente, Bachs letzte unvollendete Fuge, Roy Orbison in dreams, Transparenz, die sich durch Dunkelheit ereignet, irgendwann ein Anfang, die Zeit vergeht, bleibt stehn. Das Ende als Bruch, als lautes Geräusch eines Abbruchs. Also kein Ende - eigentlich. Wovon die Rede ist? Von einer möglichen Antwort auf ein Zuviel oder vielleicht auch: von Sehnsucht nach einem bilderlosen Licht und einer Ruhe ohne Worte. Von der Erfahrung einer Zumutung, als die sich die ästhetische Erfahrung in den Musiktheater-Performances von Jörg Laue stets ereignet.
Der Versuch, diese Aufführungen beschreiben zu wollen, sieht sich somit zuallererst vor die Aufgabe gestellt, dem Begriff "Zumutung" eine Wendung ins Positive zu geben. Denn zugemutet wird dem hörenden und sehenden Publikum nichts weniger, als sich in den eigenen Kopf und Körper zu begeben, um in dem Fluß der Lichtblitze und stehenden Klänge das eigene Ungenügen, die eigene Begrenztheit zu erleben. Ob eine Formulierung wie: was soll das bedeuten? wozu seh' ich mir das an? zu einer Frage wird, die man sich nur selbst beantworten kann, oder zu einer Bewertung, die den Mangel an Antwort beim Gegenüber sucht, ist eine Frage des Tonfalls. "Zumutung" ins Positive gewendet meint also die von der Aufführung gegebene Möglichkeit, den Mangel an Verstehen, das Fehlen an Bedeutung zum konstruktiven und wichtigen Ausgangspunkt eigener Denk-Arbeit zu machen, zu der die Erfahrung des Ästhetischen verhilft.
Wenn, wie Hans-Thies Lehmann in seiner neuesten Publikation zum post-dramatischen Theater (Verlag der Autoren) sagt, das neuere Theater eines ist, angesichts dessen die Eigentümlichkeit der ästhetischen Erfahrung darin besteht, "daß Gegenwart nicht einfach ,Fülle der Zeit' heißt", sondern "präsentische Intensität" vielmehr erfahren wird "als Abwesenheit, Bruch und Entzug, als Verlust, Vergehen, Nichtverstehen, Mangel, Schrecken", dann sind die Arbeiten von Jörg Laue mit der "Lose Combo" in dieser Hinsicht gewiß exzeptionell, weil sie diese Anmerkung auf außergewöhnliche Weise verdeutlichen. Weitaus mehr und deutlicher als in anderen gegenwärtigen Arbeiten des Theaters geht es in ihnen um die Produktion einer eigenen Zeitlichkeit, oder, um noch einmal auf Hans-Thies Lehmann zu verweisen, um "Präsenzproduktion", die sich in einem eigentümlichen "Spiel zwischen Leib und Medien" einstellt. Nimmt man beispielsweise "Mythos Europa", wozu auch die eingangs aufgeführten Erinnerungs-Bruchstücke gehören, als letztes Ereignis in einer Serie "multimedialen Musiktheaters", wie Jörg Laue seine eigenen Arbeiten bezeichnet, so läßt sich daran exemplarisch diese Herstellung einer eigenen Zeitlichkeit in dreierlei Hinsicht beschreiben: Als dekonstruktive künstlerische Praxis, welche Zeit selbst als Material nutzt; als Reflexion über Geschichte bzw. die Frage, wie Geschichte als Zeitlichkeit zur Erfahrung kommen kann, auch und nicht zuletzt im Umgang mit dem eigenen Material und der eigenen Arbeit; als Versuch, dem Publikum (s)eine Zeit zu geben, die sich ihm nur dann als "erfüllte" zeigt, wenn es in konstruktiver Weise die Leere als Ort sinnvollen Daseins begreifen mag; als Möglichkeit eines Beginns.
Wer je die Gelegenheit wahrgenommen hat, eine der musikalisch-analytischen "lectures" des "Ensemble modern" zu besuchen, wird verstehen, was es heißt, in der Musik unterschiedliche Zeiterfahrungen zu machen bzw. verschiedene Zeitebenen feststellen zu können. An der dort vorgeführten dekonstruktiven Analyse der Arbeiten zeitgenössischer Komponisten zeigt sich nämlich, wie Zeit selbst zum Material gerät und damit für die Musik eine eigene Wertigkeit gewinnt. Die Dekomposition der Partitur in ihre einzelnen "Stimmen" verweist zunächst auf deren Eigenständigkeit und Variabilität, um dann zu einem überraschenden Zusammenklang zu finden, der dem Ohr zumutet, hier und da den Weg der "Einzelstimme" wieder aufzunehmen, sich ähnlich wie der Blick zu fokussieren oder aber den Zusammenklang als wahrhafte Überraschung zu erleben, in der die einzelnen Stimmen sich im Zeitfluß plötzlich neu konstellieren.
Ähnlich verfährt Jörg Laue in der Erstellung und "Komposition" seiner Arbeiten - nur mit dem Unterschied, daß seine einzelnen "Instrumente" nicht allein dem musikalischen Bereich zuzurechnen sind. Vielmehr sind Elemente seiner Kompositionen gleichermaßen Videobilder, gesampelte Geräusche, lebendige Menschen, Klänge, eigene Texte und solche fremder Autoren und, nicht zu vergessen, Zeit und Geschichte(n) - also nahezu alles, was Theater ausmacht, ohne daß es freilich einem überkommenen Begriff von Theater gehorchen würde. Was diese einzelnen Elemente zusammenhält, ist die ihnen auf jeweils unterschiedlichen Ebenen gemeinsame formale Strukturierung in der Zeit, die sich selbst wiederum aus musikalischen Vorgaben herleitet. Die De-Komposition musikalischer Gegebenheiten liefert somit die Grundlage für das gesamte Zeitmaß des Abends, legt sich auf das, was dem Theater eigen ist und schafft eine vielstimmige Zeitstruktur, indem sie die einzelnen Materialebenen zu einem nicht vorhersehbaren Zusammenklang organisiert. Damit erweist sich dieses Theater tatsächlich als ein "neues Theater", indem es seine Materialien noch einmal in dekonstruierender Weise auf ihre Wertigkeit, man könnte auch sagen: ihre Tauglichkeit als erzählerisches Material befragt.
Was in "Mythos Europa", wie in anderen vorausgegangenen Arbeiten auch, als ein Leitmotiv sich herauskristallisieren läßt, ist die Frage nach Geschichte. Diese präsentiert sich zunächst einmal in offen zu hörender Weise im gesprochenen Text. Wie läßt sich Geschichte erzählen, wie läßt sie sich mit unserer Erfahrung verbinden, wie ist dieses nun "gemeinsame Europa" zu denken? Als Mythos? Nicht, daß die Aufführung Antworten parat hätte. Sie bindet sich nicht an Diskurse, die sattsam bekannt sind. Vielmehr wendet sie sich dem Mythos zu und erzählt ihn befragend: Die Geschichte der Königstochter, die diesen Namen trug, von Zeus mehrfach vergewaltigt nach Kreta entführt wurde und dann aus der Geschichte verschwand - wo läßt sie sich suchen? Sie ist untergegangen in anderen Geschichten, in denen die Erinnerung an sie noch aufblitzen mag. Die Brüder, die ausgeschickt sind zu ihrer Suche, vergessen sie bald, gründen Städte, ihr eigenes Reich. Dieses Verdecktsein, Verschüttetsein von durchaus auch künftigen Geschichten und historischen Gegebenheiten, welches in der an einer Stelle plötzlich abbrechenden Erzählung des Mythos deutlich wird, kehrt in "Mythos Europa" im Gebrauch des eigenen Materials wieder. Auch hier wird die Geschichte Europas, auch hier wird "Mythos Europa" selbst (auch die Aufführung) von anderen Geschichten durchkreuzt, auch hier wird Material bis zur Unkenntlichkeit wiederholt und damit der Verlust an Information im Wiedererzählen manifest, auch hier erhalten Bilder und andere Materialien plötzlich eine visionäre, in die Zukunft weisende Qualität. Somit wendet sich das Fragen zurück auf das eigene Tun. Die in der Aufführung zu sehenden Videobilder beispielsweise - wenn man denn von Bildern sprechen mag - entstehen durch mehrfach wiederholtes Abfilmen geringer Mengen Ausgangsmaterials, wobei deutlich wird, daß die Kamera ihre eigenen Bilder nicht wiederzuerkennen vermag und Bildstörungen produziert, in denen Schemen, Schatten auftauchen, die wir als Zuschauer gerne zu einem sinnvollen Ganzen gefügt hätten. Ähnlich verhält es sich mit Satzfragmenten, die isoliert in den Raum gestellt, zunächst den Sinn verweigern - oder den Hörenden dazu verführen, das Nächstliegende anzunehmen: "'ne riesen lovestory." So der Beginn. Hört man die Ironie, die den Satz begleitet? Nimmt man den Satz als vorweggenommenen Kommentar zur Geschichte, die ihm folgt? Die Geschichte der Erblindung Bachs - was ist daran eine "lovestory". Was hat Bach mit Europa zu tun? Geht es bereits um die "Liebe" von Zeus zu Europa? Europa ein Mythos oder eine gewaltsame, "riesen" Liebesgeschichte? Fragen, die entstehen in der Konfrontation mit all dem, was nicht schon durch Bekanntes, Gewußtes befriedet ist und dessen man sich habhaft glaubt.
Was wollen wir vom Theater? Was erfahren wir im Theater von uns selbst? "Mythos Europa" provoziert nicht zuletzt diese Fragen, indem es den Zuschauern und Zuhörern die Pausen und die Leere als den Zeit-Raum zur Verfügung stellt, an dem die eigene Wahrnehmung und Fähigkeit zum Fragen und Denken in Bewegung geraten darf. Man verbringt gemeinsam eine Zeit, und in den Köpfen spielt unterschiedliches Theater. Wir finden etwas interessant, wir langweilen uns plötzlich, uns fällt etwas völlig anderes ein, wir hören die Radiostimmen. Die Videobilder sind uns Schädelstrukturen, porös gewordene Teile von Knochen; angeregt durch den Text, erinnern wir die Landung der Nazis auf Kreta - auch dies eine Geschichte Europas -, die sich durch die Tatsache, daß wir gegenwärtig im Krieg sind, erneut ins Bewußtsein bringt. Von Blindheit ist öfter die Rede, von Träumen, von seltsamen Liebesgeschichten. Also von wichtigen Dingen ausschließlich. Jörg Laue sagt:
"Immer hört man klagen: Ich habe keine Zeit, ich habe keine Zeit. Wir geben den Leuten Zeit. Und dann mag es schon seltsam erscheinen, wenn man plötzlich merkt, daß man die Zeit gar nicht haben will."

Christel Weiler