KOMMA (Der Winter.)

Der Tagesspigel, 22.11.1996

Jenseits der bleiernen Ödnis
Jörg Laue und die Lose Combo spüren Hölderlin nach

Zuallererst ein wichtiges Bekenntnis: diese Kritik ist einseitig! Diese Kritik ist links! Das ist unvermeidlich. In "KOMMA (Der Winter.)", dem ersten Teil einer Tetralogie von Jörg Laue und der Lose Combo in den Sophiensälen, sieht das linke Publikum nämlich eine andere Performance als das rechte: der Raum ist in der Mitte durch einen Bleivorhang geteilt.
Aber soviel ist sicher: beide Fraktionen werden mit dem "Wahn/Sinn" Hölderlins konfrontiert. Diesem "Wahn/Sinn" will jenes "Musiktheater für zwei Performerinnen, zwei Violinen und Tonband" anhand von Zäsuren, Brüchen - KOMMAta eben -, nachspüren. Die Idee der Produktion ist nun folgende: In einem komplizierten Transformationsverfahren wurde aus Hölderlins Manuskript des Gedichtes "Der Winter" eine graphische Partitur erstellt, die entsprechend den Versen und der Interpunktion klar in 14 Segmente gegliedert ist. Die so entstandenen Töne sind vom Band zu hören und werden live ergänzt durch zwei Violinistinnen (Christine Krapp und Johanna Kullmann). Das Ganze wird wiederum konfrontiert mit der Musikalität, der Melodik Hölderlinscher Dichtung: zwei Performerinnen (Stephanie Büttrich und Hanna Lippmann) sprechen Teile des Dialoges zwischen Antigone und Ismene aus "Antigonae", der Hölderlinschen Sophokles-Übersetzung.
Mit diesen Hintergrundinformationen ausgestattet, kann man die Inszenierung als Versuch über die Transformierbarkeit verschiedener Ausdrucks- und Wahmehmungsformen nachvollziehen, kann man die Intention, sich vom Textsinn radikal zu lösen und statt dessen eine rein sinnliche Ebene zu entwerfen, erfassen.
Jemand, der mit diesen Hintergrundinformationen nicht vertraut ist; sagen wir mal: der Theaterbesucher, der für neue Formen natürlich grundsätzlich offen ist, nimmt "KOMMA (Der Winter.)" aber sicherlich ganz anders wahr. Vielleicht so: er sieht - sofern er der linken Fraktion angehört - ein rechteckiges Feld aus Anthrazitgestein und darauf zwei in Bleimänteln gefangene rezitierende Frauen. Er ahnt wahrscheinlich nach den ersten zehn Minuten, daß diese Inszenierung - abgesehen von einigen suggestiven Projektionen eines Winterhimmels auf dem Bleivorhang (Video: Michael Busch) - auf der visuellen Ebene ihre konsequente Statik beibehalten wird: in einem Bleimantel, das weiß er schließlich, kann man sich schwerlich bewegen. Der grundsätzlich für alles offene Theaterbesucher lehnt sich also zurück und beschließt, sich in diesen Klangraum einfach hineinfallen zu lassen. Dann denkt er vielleicht daran, daß er gelesen hat, Hölderlin habe in den Jahren seines Wahnsinns halbe Tage damit zugebracht. Gras auszureißen, und beginnt, über Genie und Wahnsinn zu reflektieren und darüber, ob der geniale Wahnsinn für den Durchschnittsmenschen nur schwer oder überhaupt nicht zugänglich ist.
Und dann passiert plötzlich eine ganz andere Geschichte. Dann macht dieser grundsätzlich für alles offene Theaterbesucher vielleicht eine authentische "Wahnsinns"-Erfahrung: er erliegt einer Zwangsvorstellung. Er weiß es jetzt ganz genau: er sitzt auf der falschen Seite! Er stellt sich ja auch grundsätzlich an der falschen Kassenschlange an! Es ist ganz klar: das Eigentliche passiert jenseits des bleiernen Vorhangs. Und das kann der grundsätzlich für alles offene Theaterbesucher einfach nicht verkraften. Deshalb wird "KOMMA (Der Winter.)" zu einer Studie über das Begehren des modernen Individuums: es beginnt ein reger kontinuierlicher Publikumsverkehr. Mindestens zehn Zuschauer wechseln die Seite, und zwar - Triumph für die Rezensentin - von rechts nach links! (Rechts - diese Vermutung bestätigt sich beim finalen Verbeugungsritual - waren die Violinistinnen zu sehen.)
Fazit: Die Geschichte, die ein Theater, das mit gewöhnungsbedürftigen Ausdrucksformen und Wahrnehmungsweisen spielt, über die Wahrnehmung des Publikums erzählt, ist vielleicht immer die spannendste!

Christine Wahl