FATZER/Monologie

Frankfurter Rundschau, 23.10.1998

Text-Odyssee
Klanginstallation nach Brecht

Sie haben Brecht auseinandergeschnipselt, kräftig geschüttelt und wieder ausgespuckt: ein Gewirr von Worten und Sätzen, Fragmente aus seiner postum veröffentlichten Monologie "Fatzer".

Aber der Reihe nach: Es geht um eine Installation der Berliner Gruppe Lose Combo (Hans-Friedrich Bormann, Jörg Laue, Christopher Martin) im Mousonturm. Ein Raum im dritten Stock ist in geheimnisvollem Blau erleuchtet; von der Decke hängen gelbe Glühbirnen. Ein riesenhafter, blauer Tisch dominiert den kargen Raum, bedeckt mit Kabeln, an denen kleine, augenförmige Lautsprecher hängen, die zart vibrieren. Die 13 Besucher haben auf Stühlen um ihn herum Platz genommen, schauen sich gegenseitig an und lauschen.

Über die Lautsprecher kreucht leise der Brecht-Text in jede Ecke der großen Konferenztafel. Mehrere Tonband-Stimmen, alle vom selben Sprecher gesprochen, stellen Versatzstücke des "Fatzer" neben- und ineinander. Werden die Stimmen leiser oder machen eine Pause, so liest Hermann Beyer, der mit den Zuschauern am Tisch sitzt, Teile desselben Textmosaiks vor; werden die Tonband-Stimmen lauter, verstummt er wieder.

Der Wort- und Assoziationswust erstickt Brecht das Wort im Halse. Keine klare Mitteilung an das Publikum, wie sie der Theater-Lehrmeister favorisiert hätte, sondern ein Wirrwar endloser Wiederholungen, die den zart aufkeimenden Erzählfluß immer wieder erstickt. Nicht die Rekonstruktion einer Handlung, sondern das Zulassen von Brüchen, Sprüngen, Leerstellen und Zwischenräumen steht im Vordergrund. Zusammenhänge werden nur angedeutet - und sofort wieder fallen gelassen. Eine Dramaturgie entsteht erst nachträglich in der Wahrnehmung der Zuhörer, und sie ist für jeden eine andere.

Überwiegt zu Anfang der Performance ein hilfloses Gefühl der Desorientierung, so entwickelt sich allmählich die Ahnung einer historisch-utopischen Bilderfolge.
Akzeptiert man Zerrissenheit, sogar Widersprüchlichkeit des Textmaterials, verabschiedet man sich von der Suche nach einem vermeintlichen roten Faden, so gestatten die Klangfetzen eine wilde Assoziations-Odyssee, die sich vor dem geistigen Auge der Zuhörer vollzieht.

Ebensowenig wie sie einen klaren Anfang hat, bietet die Klang-Performace dem Publikum einen eindeutigen Schlußpunkt. Während die vielstimmigen Tonbänder noch den Tisch vibrieren lassen, verläßt der Sprecher Beyer den Raum. Das Publikum verharrt eine Weile ratlos verzaubert. Es dauert, bis sich die ersten aus dem fast hypnotischen Zustand lösen, um die Bilderreise zu beenden und nach Hause zu gehen.

(dea)