FAST ein Triptychon

Der Tagesspigel, 23.3.1997

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"FAST ein Triptychon" - die neue Produktion der Lose Combo

Wenn man den Ansatz betrachtet, der den Produktionen der Lose Combo zugrunde liegt, ist man versucht, die gesamte abendländische Philosophiegeschichte auf Weisheiten über Raum, Zeit und den "Ursprung des Kunstwerks" abzuklopfen. Wie in früheren Performances der Lose Combo klingt auch die Idee zu Jörg Laues und Hans-Friedrich Bormanns neuer Produktion mit dem Titel "FAST ein Triptychon", die jetzt im Theater am Halleschen Ufer aufgerührt wurde, ziemlich abstrakt. Ausgangspunkt der Arbeiten ist immer eine graphische Struktur - eine Partitur oder ein Text -, aus der in einem komplizierten Transformationsverfahren elektronische Klänge erarbeitet werden, die vom Tonband zu hören sind. Diese Klänge werden in der Performance erstens mit live Musik, zweitens mit Texten und zum dritten mit Videoprojektionen konfrontiert. "FAST" versteht sich auch in anderer Hinsicht als Triptychon: der Raum ist dreigeteilt, das Bühnenbild besteht aus drei Leinwänden. Das Verrückte ist nun, daß es bei allem theoretischen Überbau hinderlich wäre zu philosophieren. Denn bei der Lose Combo geht es gerade nicht darum, intellektuell Zusammenhänge aufzuspüren oder sich an Textinhalte zu klammem. "FAST ein Triptychon" ist ein reiner Angriff auf die Sinne - obwohl es in seinem Minimalismus zunächst wie eine Versuchsanordnung für Wahrnehmungsexperimente wirkt. Passend zum kargen Bühnenbild produziert das "zeitgenössische Musiktheater an den Rändern der Künste" auch keine symbolbeladene Theatralik.
Wenn zum Beispiel Anja Bayer, als Performerin, die Bühne betritt, stellt sie sich lediglich hinter einem Mikrophon auf und trägt - zudem ausgesprochen sachlich - einen Text von Jörg Laue vor. Darin setzt sie sich in Beziehung zu Woyzeck, ist später Marie und denkt irgendwann auch an Sisyphos. Dieser Text ist weniger inhaltlich denn in seiner Melodik und bisweilen psychedelischen Atmosphäre in Beziehung zur gleichmäßigen Tonbandmusik zu setzen. Auch in den Videoprojektionen sind keine eindeutigen Entsprechungen zu finden - die zeigen Baumkronen, Himmel, Eisschollen oder fließendes Wasser.
Später werden die Projektionen so schnell, daß keine Details mehr erkennbar sind - angetrieben durch Frank Rühls Improvisationen auf der E-Gitarre. Mittels dieser Improvisationen geht es aber nicht nur darum, eine Korrespondenz oder Diskontinuität zwischen Musik und Bild vorzuführen - in den besten Momenten wird die Gitarrenmusik so hochgepeitscht, daß sich das Video mit dem harmonisch vor sich hinplätschernden Wasser bedrohlich zu beschleunigen scheint.
Es geht also um die Manipulation der Wahrnehmung, um den Kontrast, zwischen Statik und Bewegung, um die Frage der Perspektive. Aber "FAST "ist gewöhnungsbedürftig. Auf "FAST" muß man sich einlassen können. Erst wenn man akzeptiert, daß im herkömmlichen Sinne nichts passiert, kann viel passieren. Da führt "FAST" dann vor, wie stark man versucht ist, ein reines Schockieren der Sinne - etwa eine aufkreischende E-Gitarre mitten in der Harmonie des Tonbandsummens - intellektuell zu deuten. Letztlich ist gerade "FAST" auch eine Zelebration des Details, eine neue Entdeckung der Langsamkeit. Lange Zeit sieht man nichts als die Spalte zwischen zwei Eisschollen, die sich träge vergrößert und verkleinert - und das Experiment funktioniert: die Rezensentin wurde ungeduldig.

Christine Wahl