discret

Beschreibung

Nach seiner wechselvollen Geschichte als Hauptsitz der Dresdner Bank, Sitz der SED-Bezirksleitung und Staatsbank der DDR, als zeitweiliger Bleibe der Gauck-Behörde und des Stadtkontors Berlin wurde der klassizistische Gebäudekomplex zwischen Bebelplatz und Französischer Straße von 2000 bis 2003 ein außergewöhnlicher Ort für Kunst: die staatsbankberlin. Seit Ende 2003 wird die Immobilie zu einem *****Hotel umgebaut. Die letzten 48 Stunden der staatsbankberlin werden im September 2003 in einer ununterbrochenen Öffnung als Das Ende der Staatsbank begangen. Einige Künstler, die in den vorangegangenen Jahren vor Ort gearbeitet haben, sind eingeladen, Projekte zu entwickeln, die sich mit dem Gebäude - seiner Geschichte, Architektur, Umgebung etc. - beschäftigen.

Im Kellergeschoß des Bankgebäudes - dem ehemals schmuckvollen Privat-Tresor und einigen angrenzenden Räumen - zeigt die LOSE COMBO die performative Installation discret von Jörg Laue.

Dafür werden ein "geheimer" und völlig dunkler Kontrollgang (er wurde seinerzeit zum Schutz vor Einbrechern gebaut) und einzelne Orte des zugänglichen Kellerareals mit einer Videokamera und empfindlichen Mikrophonen erkundet, und zwar unter Verwendung von John Cages Komposition Variations IV, die den Grundriß des Aufführungsorts zum strukturellen Ausgangspunkt erklärt, anhand dessen mögliche Orte für eine Klangerzeugung ermittelt werden. Die dabei entstandenen Videosequenzen zeigen einen vorsichtig tastenden, sich bisweilen in vorgefundenen Spiegeln verlierenden Gang; die Tonaufnahmen verzeichnen unterschiedliche "Stillen" einiger der entlegensten Winkel des Gebäudes.

Im größten Raum, dem ehemaligen Privat-Tresor der Dresdner Bank, befinden sich ein "Gläserner Tresor" - ein mit Olivenöl gefüllter Glaskubus mit den Maßen 100 x 75 x 20 cm -, dessen rückseitige, sandgestrahlte Scheibe als Projektionsfläche für die zuvor aufgenommene und bearbeitete Videosequenz dient, die einen scheinbar endlosen Gang durch den Kontrollgang zeigt, sowie zwei Monitore, die Live-Bilder von zwei fest installierten Überwachungskameras am Boden des Kontrollgangs zeigen. Zusammengenommen bilden der "Gläserne Tresor" und die beiden Monitore eine Konstellation, die die enge räumlich-zeitliche Verflechtung der beiden Räume widerspiegelt: Im Tresor, vor eben jenen drei Wänden, die der Kontrollgang umläuft, finden sich sowohl bewegte Bilder einer "belebten Vergangenheit" (der offensichtlich vorproduzierte "endlose" Gang) als auch statische Live-Einstellungen einer "unbelebten Gegenwart" nach dem Ende der Staatsbank.

Außerdem befinden sich in den angrenzenden Räumlichkeiten diverse dimmbare farbige Leuchtstofflampen sowie Lautsprecherboxen, wodurch eine differenzierte und äußerst flexible Regelung und Verteilung von Licht und Ton möglich wird. Dieses Raum-Ensemble bildet im Verlauf der 48-stündigen Zeitklammer von Das Ende der Staatsbank den Aktions-Raum für sechs exakt vierstündige Performances, die nach Maßgabe einer in einem Würfelverfahren erstellten Partitur gestaltet werden.

Dazu werden die vier Stunden jeder Performance in 20 jeweils 12-minütige Bereiche eingeteilt. Für jeden Bereich wird ausgewürfelt, ob es darin prinzipiell Aktionen geben soll und falls ja: welche und (in der Regel) wie lange sie dauern sollen, oder wann sie stattfinden.
Mögliche Aktionen sind: Freie Improvisationen (Klarinette), Lesungen, Radio-Live-Tunings. Zudem gibt es Würfelentscheidungen über "technische Aktionen", etwa Lichtveränderungen, Einspielungen von Klang- und Videomaterial und die Verwendung der im Kontrollgang installierten Überwachungskameras.

Ausgangsmaterial für das akustische Geschehen sind die mit sensiblen Mikrophonen im Kellerareal aufgenommenen "Stillen", die sich bei extremer Verstärkung als äußerst geräuschvoll erweisen: Der Straßenverkehr tönt bis in die entlegendsten Tresor-Bereiche; Regen-, Kanalisations- und Grundwassergeräusche werden vernehmbar; das Brummen und Summen elektrischer Geräte und Leitungen, Schritte, Türen und Gesprächsfetzen - selbst aus den oberen Etagen des Hauses, oder von der Straße - sind zu hören, wie auch die tief-frequenten Eigenresonanzen der Aufnahme-Räume, die von den Schwingungen des Gebäudes selbst herrühren. Zudem verzeichnet die Aufnahme-Technik auch das Rauschen, das sie fortwährend selbst produziert.

Aus diesen "Stillen" entstand in einem vielschichtigen klangelektronischen Transformationsverfahren unter Verwendung von langen Feedbackschleifen, Filterungen, Transponierungen etc. ein ruhiges akustisches Geflecht aus komplexen Einzelklängen und flächenhaften - zu weilen filigran-hohen, zu weilen baßlastig-druckvollen - Klangschichtungen, die immer wieder von identifizierbaren Geräuschen des Ausgangsmaterials (Wasser, Verkehr, Stimmen etc.) durchzogen werden.

Dazu treten die freien Improvisationen des Klarinettisten, Radio-Live-Tunings mit zwei kleinen Kofferradios und Lesungen (dafür liegen drei Bücher bereit: Jacques Derrida, Die Postkarte, 1. Lieferung; Franz Kafka, Briefe 1913 - 1914; Michel Foucault, Überwachen und Strafen). Diese Aktionen finden in einer vorgefundenen "Performance-Kammer" statt und werden - nach Maßgabe der Partitur - in die anderen Bereiche des Raum-Ensembles übertragen.